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keks & karpfen

gesendet am 18.12.2005 auf ORF/Ö1/Kunstradio

 

Zum Text:
So schön war Weihnachten noch nie. Wirklich. Die stillste Zeit des Jahres. Die Lieben versammeln sich, um das Fest der Feste zu feiern. Das Fest der Liebe, das Fest der Familie. Feiern Sie mit.

 

Hetzen sie nicht durch die Geschäfte, um im allerletzten Moment das Eine, das richtige Geschenk zu finden. Lassen sie sich nicht von der Gehsteigkante schupfen im allgemeinen Trubel. Lassen sie den Schnee ruhig draußen liegen und schauen sie hinaus. Von drinnen, wo es warm ist.

 

Zünden sie die Kerzen an. Schalten sie das Radio ein, lehnen sie sich zurück, hören sie zu. Hier wird Weihnachten so gefeiert, wie es wirklich ist. Wie es immer war. Unheimlich schön.

 

Zur Musik:
Anfänge und Schlüsse von mehr als 120 Weihnachtsliedern wurden mit „Akustischen Stroboskopen“ neu rhythmisiert und in mehreren Schichten zu weihnachtlichen Überraschungen verpackt.

 

Personen / Stimmen:

Die Mutter: Dorothee Steinbauer
Die Frau: Andrea Wenzl
Der Großonkel: Peter Uray
Der Mann: Alexander Mitterer

Idee, Konzept, Regie, Schnitt und Montage: Albert Pall und Josef Klammer
Redaktion: Konrad Zobel, Elisabeth Zimmermann, Barbara Belic
Musik: Josef Klammer; Text: Albert Pall; Tonmeister: Christian Michl


Eine Produktion von Ö1 Literatur und Hörspiel in Zusammenarbeit mit dem Ö1 Kunstradio.
© 2005 by Josef Klammer & Albert Pall. Alle Rechte bei den Autoren

 

 

Advent:

Geschenkpapier

 

Der Großonkel:

 

Kalt ist es. Und feucht. Schnee ist auch. Muss ich halt aufpassen, dass ich nicht hinfall. In meinem Alter kann da leicht was sein. Na ja, so alt bin ich noch nicht.. Trotzdem, die Hüfte ist gleich ab. Da sind schon ganz andere gestorben. Das geht schnell, da kenn ich einige. Die sind auch nicht mehr. Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus. Erst schaut alles ganz gut aus. Dann das Fieber. Dann Wasser in der Lunge. Aus. Muss ja nicht sein. Aufpassen halt. Und gute Schuhe. Mit Profil auf der Sohle. Eilig hab ichs nicht.

 

Die Frau:

Mehl. Das ist schön, wenn draußen der Nebel hängt und es ist kalt und finster. Und herinnen knetet man den Teig und aus dem Backrohr riecht es weihnachtlich. Es ist warm in der Küche. Die Kleine hat einen Urspaß. Und rote Wangen, die glüht richtig. Ich auch eigentlich. Es ist, als ob wir das schon immer gemacht hätten. Dabei war das früher nie, das ist ja erst seit ein paar Jahren.

 

Der Großonkel:

Ich find das nett, dass sie mich wieder eingeladen haben. Ist ja nicht selbstverständlich. Die jungen Leute wollen ja unter sich sein. Verstehe ich ja. Und letztes Jahr, da haben wir fast gestritten. Na ja, zum Schluss haben wir dann auch gestritten. Ich war ja nicht schuld. Ihre Mutter. Das ist eine richtige Bissgurn. Was Besseres, glaubt sie. Zu Silvester war ich dann allein. Na gut, das halt ich auch noch aus. Die Jungen können ja nix dafür, wenn die Alten spinnen. Aber eingeladen haben sie mich heuer trotzdem wieder. Jetzt muss ich halt was schenken. Hätte ich sowieso. Aber wenn man dann dabei ist, das ist was anderes.

 

Die Frau:

Wie einem etwas abgehen kann, was nie war. Eine Erinnerung nachher machen. Komisch. Mit meiner Mutter jedenfalls nicht, die hat die Kekse immer nur gekauft. In diesen hässlichen Körbchen. Oder Papptellerchen mit Knisterfolie herum. Und Schleifchen. Stillos. Gerade bei ihr.

 

Der Großonkel:

Die Kleine ist herzig. Und so brav. Kommt ganz nach ihm. Nach ihr auch, äußerlich. Jetzt ist sie halt grad sehr gescheit, aber das geht vorbei. Wenn sie nur ihrer Großmutter nicht nachkommt, aber das glaub ich nicht. Großmutter. Wenn ich das schon hör. Darf sie eh nicht sagen. Mit dem Vornamen lässt die sich anreden. In ihrem Alter. Zaundürr und bunt wie ein Kanari. Und ständig das Gerede. In einem Tempo. Mit mir redet sie nichts. Nicht mehr. Soll mir recht sein.

 

Die Mutter:

Jetzt haben sie mich doch erwischt. Blöd gelaufen. Weihnachtsessen mit Familie. Mir fällt doch sonst immer was ein. Und sein Großonkel kommt auch noch, der alte Trottel. Ein ungustiöser Mensch. Einer von denen, die die Hose aufmachen beim Essen. Großonkel. Seine Eltern sind ja tot, da war er noch klein. Ist er eben bei ihnen aufgewachsen. Na und? Hat er sich halt gekümmert. Ich hab mich ja auch gekümmert. Hab ich mich vielleicht nicht gekümmert? Wär ja noch schöner.

 

Der Mann:

Den Baum hab ich wenigstens schon daheim. Im Keller, damit die Kleine ihn nicht sieht. Die ist schon ganz nervös. Das ist ja alles so wahnsinnig spannend, wenn alles irgendwie geheim ist und versteckt und so. Ich stell den auf, wenn sie mit der Mutter unterwegs ist, da hab ich genug Zeit. Hab ich schon ausgemacht..

 

Die Frau:

Manchmal denk ich jetzt, wir sollten heiraten. Es ist irgendwie mehr eine Familie, wenn man verheiratet ist. Ich wollte ja damals nicht, das war mir zu bürgerlich. Außerdem hat die Mutter immer gedrängt, da war ich dann praktisch schon automatisch dagegen. Sie hat immer gesagt, die Sicherheit, aber die hab ich nicht gebraucht. Da war mir das Vertrauen lieber.

 

Der Mann:

Das hab ich jetzt vergessen ihr zu sagen, dass ich die eingeladen hab. Und den Großonkel. Das haben wir noch nicht besprochen. Na gut. Wenns nach mir geht ist das heuer sowieso das letzte mal, dass die kommen. Die sind ja wie Feuer und Wasser, die zwei. Die muss man direkt an der Leine halten, so wie die miteinander umgehn. Das kann ja nicht ewig so weiter gehn.

 

Die Frau:

Die Geschenke muss ich noch holen, morgen. Die für ihn. Die anderen Sachen besorgt er, da haben wir schon geschaut. Ausgesucht hab ich seine schon, aber ich mag dann immer noch überlegen. Warten eigentlich. Nicht, dass mir dann was anderes einfällt. Manchmal schon. Aber so freue ich mich mehr, wenn ich dann noch extra einmal hingehen kann und das abholen.

 

Der Mann:

Der Großonkel. Die haben mich damals aufgenommen, wie meine Eltern den Unfall gehabt haben. Ich kann mich da gar nicht erinnern. Von den Fotos schon, die Gesichter kenn ich irgendwie. Sonst ist da nicht viel. Muss was psychisches sein. Ich müsst mich ja an irgendwas erinnern, so klein war ich auch wieder nicht. Was einem so einfällt. Da haben wir dann auch schon in der Wohnung gewohnt. Schaut jetzt natürlich ganz anders aus mit der ganzen Umbauerei. Und die Einrichtung. Das wollt ich eigentlich ganz anders haben, gemütlicher. Einfacher auf jeden Fall. Da haben sie schon ein bisschen zu dick aufgetragen. Ist mir zu nobel. Und gedauert hat das. Gut, ich habs nicht zahlen müssen. Aber wohnen muss ich drin. Sollt ich auch einmal was sagen. Ist halt jetzt zu spät, aber wissen soll sie es.

 

Die Frau:

Wir werden sie wohl wieder einladen müssen, die sind sonst wieder allein. Er ist ja ein Eigenbrötler. Und sie, wenn sie nicht meine Mutter wär... Da muss ich noch mit ihm reden, er will ja nicht. Ich eigentlich auch nicht mehr. Die zwei mögen sich überhaupt nicht, die sind wie Hund und Katz. Aber zu Weihnachten. Schließlich sind sie erwachsen, da sollten sie sich schon benehmen können.

 

Die Mutter:

Was haben sie jetzt davon? Eine blöde Wohnung haben sie jetzt davon. Und anhören können sie sich das auch noch ständig. Aber bitte. Und das vergisst er natürlich gerne zu erwähnen, die Einrichtung ist von mir. Und das ist bitte was Anständiges. Na gut, was hätten sie mit der leeren Wohnung schon anfangen können. Sie haben ja nichts. Immer noch nicht.

 

 

Ich helfe ja gerne. Fragen hätten sie allerdings schon können. Das hat sich hingezogen, bis das endlich heraus war. Aber einfach so wollte ich das natürlich auch nicht machen. Zumindest fragen. Schon wegen des Geschmacks. Das wäre ja ohne mich nicht wirklich was geworden. War dann aber toll, einkaufen. Allein das Bad, eine Pracht. Die Fliesen, was haben wir nach ordentlichen Fliesen gesucht. Was es da an Schrott gibt, unsäglich. Wer das kauft?

 

 

Ihm hat es dann schon zu lange gedauert. Aber da habe ich mich durchgesetzt. Ihr müsst ja dann da wohnen, hab ich gesagt, also machen wir das ordentlich. Sonst macht das alles ja keinen Sinn. Ist wirklich hübsch geworden. Na klar, ich habs ausgesucht. Und da verstehe ich was von.

 

Die Frau:

Wegen dem Vertrauen ist es nicht. Aber vielleicht ändert sich dann was, wenn wir heiraten. Momentan, da mag ich gar nicht denken. Ich mag ihn gleich gern wie früher, aber es ist so eingefahren, das ist so gewohnt geworden, gewöhnlich. Das wollt ich nie. Hab ich auch immer gesagt. Deswegen wollte ich ja nicht heiraten. Er schon. Er hat mich immer wieder gefragt, wollte mich überreden. Jetzt fragt er nicht mehr. Verdenken kann ich es ihm nicht, ich hab schon oft nein gesagt. Werd ich was sagen müssen. Sollen. Ich sollte mit ihm reden.

 

Der Mann:

Ich pack dann die restlichen Geschenke ein, wenn sie mit der Kleinen unterwegs ist. Das mach ich gern. Da kann ich mich gut erinnern, wie ich da immer aufgeregt war. Ich hab ja auch ans Christkind geglaubt. Lange. Das haben sie immer schön gemacht, der Großonkel und die Tante. Der Baum mit den Kerzen, viel war nicht drauf, die Kerzen, Lametta und ein paar süße Sachen. Oben der Engel, das war immer der Gleiche. Ein Erbstück, hat die Tante gesagt. Den haben jetzt auch wir. Die Schokoladeschnapsfläschchen waren für den Großonkel. Und sonst auch noch was zum Trinken. Er war dann oft schon recht lustig. Muss ich auch noch welche besorgen, Schnapsfläschchen, wenn er schon da ist. Freut er sich sicher. Und die Sternspritzer natürlich. Den Geruch mag ich heute noch. Hochgiftig.

 

Die Mutter:

Was kaufe ich jetzt? Das ist ja wieder nicht einfach. Die Leute glauben ja, jemandem was zu schenken, das wäre leicht. Die haben keine Ahnung. Schenken will gelernt sein. Gerade bei den einfachen Leuten. Das darf nicht zu protzig sein. Oder zu groß. Na gut, das darf es ja sonst auch nicht. Die Größe machts ja nicht, ha, ha. Stilvoll eben. Auch bei einfachen Menschen. Für den alten Trottel eine Krawatte, das ist leicht. Und auch wieder nicht. Es muss schon was sein, wo er dazu nichts anzuziehen hat. Auffallen darf das aber auch nicht. Soll er sich dran aufhängen.

 

Der Großonkel:

Jetzt bin ich schon das vierte mal da in einer Woche. Der kennt mich schon. Ich glaub, der glaubt, ich schau nur. Kann schon sein, dass meine Augen glänzen. So was wollte ich auch immer haben. Hab ich aber nicht. Waren andere Zeiten. Der wird sich wundern. Ist ja nicht billig, da darf man dann schon schaun. Muss man direkt. Ich schmeiß mein Geld ja nicht beim Fenster hinaus. Da kommt ja herein auch nichts. Auch, wenns offen ist. Außerdem, das normale, was sie einem da verkaufen wollen, das ist ja nichts. Das ist ja nur im Kreis herum. Mit mir nicht.

 

Der Mann:

Die Mutter. Die will mich immer irgendwo hinschleppen zu irgendwelchen Leute. Die musst du kennen lernen, sagt sie. Das sind die richtigen Leute, verstehst du, die sind wichtig für deine Karriere. Weil ich ja so gut bin. Stimmt schon, Probleme hab ich nie gehabt in der Schule, mit dem Studium auch nicht. Ein Streber war ich nicht, ich war nur vorn dabei. Ganz vorn. Da wars dann natürlich leicht. Damals sind sie schon während des Studiums gekommen mit ihren Angeboten. Heute musst du selber schauen. Ich hab im Sommer halt bei ein paar Firmen gearbeitet. Und dann hab ich mir was ausgesucht. Da hast du natürlich das falsche genommen, sagt sie. Ich hab das genommen, was mich am meisten interessiert hat, sag ich. Vom Geld her war es sowieso gleich, da war kein Unterschied. Und mir macht es Freude.

 

Die Mutter:

Für ihn ein Eau de Toilette. Obwohl, den Unterschied zu dem Zeug, das er sonst verwendet, den merkt er ja gar nicht. Wie auch. Gut. Ich muss mich ja nicht rasieren. Nicht so oft. Und für sie? Ein anständiges Kleid täte ihr gut. Sie hat ja praktisch nichts anzuziehen, ich kann sie gar nicht einladen zur Zeit. Essen, Theater oder so. Gutscheine vielleicht. Gutscheine für Kleidung, nicht so gut. Für einen Gigolo, ha, ha. Das versteht sie wieder nicht. Oder falsch. Sie ist ja humorlos. Wie alt ist sie jetzt? Ich werde sie einfach zu einem Bummel verschleppen. Und für die Kleine?

 

Die Frau:

Ich mach sie mit Margarine, die feine Thea. Da hab ich die Backhefte noch von seiner Großtante, die hab ich praktisch geerbt. Er eigentlich. Eigentlich muss ja Butter hinein, das schmeckt besser. Steht auch irgendwie verschämt in den Heften drin, dass man da auch Butter nehmen kann. Damals war das ja wegen dem Geld, Butter war teuer. Und oft hat es keine gegeben. Hat sie oft genug erzählt, was sie alles nicht gehabt haben. Leisten hat man sich sowieso nichts können. Aber gekriegt hat man auch nichts, hat sie gesagt. Heute ist es wegen der Gesundheit. Tierische Fette. Und die Kalorien. Ich muss sowieso aufpassen, da hab ich gleich zwei Kilo mehr.

 

Der Mann:

Wir haben immer gewartet in der Küche, da hat es die Würstel gegeben mit Senf und Kren. Für mich auch Kren, weniger halt. Das war scharf. Aber gut auch. Da haben die Augen getränt und man hat sich super schneuzen können, da ist alles heruntergekommen. Und dann hat das Glöckchen geläutet. Das hat geheißen, die Bescherung. Da sind wir dann hinein und da war der Christbaum mit den Kerzen und den Sternspritzern. Und die Geschenke. Wie sie das angestellt haben, dass ich nie was gemerkt hab, das weiß ich bis heute nicht.

 

Die Frau:

Ich hab damals schon lang gebraucht, bis ich wieder herunten war nach der Schwangerschaft. Der Bauch war so, als ob sie noch drin wär. Das kommt vor, haben die gesagt. Sport. Schwimmen wär am besten. Fitnesstudio schadet auch nichts. Nicht übertreiben halt.

 

Die Mutter:

Es sind ja viel zu viele Menschen unterwegs. Auch in den besseren Geschäften. Und da sagen alle, die Zeiten seien schlecht. Das glaub ich nicht. Die sollen sich hier umsehen. Alles voll. Und die haben alle Geld, die tun nicht nur so. Na gut, wenn man genau hinsieht, viele schauen nur. Trotzdem, man kann nicht einmal in Ruhe einkaufen. Die laufen direkt in dich hinein mit ihren Einkaufstüten. Für jedes kleinste Ding eine. Seifen, Rasierwasser, Parfums. Ab und an was für darunter. Aber Marke muss es sein. Na gut, ist auch schöner. Und hat Stil. Wenn sie sonst schon nichts haben.

 

Der Großonkel:

Das muss auch aufhörn, dass ständig daran denken. Es ist jetzt lang genug her. Ich weiß es auf den Tag genau. Jeden Tag kommt einer dazu. Aber besser wird es nicht. Ich geh Frühpension und sie kriegt Blutkrebs. Unter den Händen ist sie mir zerronnen, es ist nichts von ihr geblieben. Den Sarg hätt ich allein dertragen, trotz meinem Kreuz. War ja nichts mehr da.

 

Die Frau:

Das war eine lange Liste. Was man alles braucht für die Kekse. Aber nachher freut man sich. Und die Kleine sowieso. Die mag das, Kekse ausstechen. Und aus den Teigwürsten macht sie dann immer Männchen und andere Figuren. Da ist sie mit Begeisterung dabei.

 

Der Großonkel:

Ich hab gedacht, jetzt kommt die schöne Zeit für uns. Haben wir einmal was voneinander. Können wir endlich was machen zusammen. Fahren wir wohin. Wo waren wir denn schon. Ich war oft nicht da, die Arbeit. Wir haben viel gearbeitet, sie auch. Wir haben ja nichts gehabt. Gar nichts. Es war einfach nichts da. Nur uns haben wir gehabt. Wenigstens das.

 

Die Mutter:

Der Kerl ist ja auch so eine Krücke. Kreuzbrav. Fleißig. Arbeitsam. Ja, arbeitsam. Wie eine Biene. Kein Erfolg natürlich. Das versteht er nicht, dass der Ehrgeiz für die Karriere wichtig ist. Nicht für die Arbeit. Die Arbeit wird sowieso gemacht, von wem auch immer. Die Karriere nicht, die muss man selber machen. Na ja, er ist ganz nett. Und er kümmert sich vorbildlich. Aber zu lachen gibts da nichts. Kein Scherz. Kein Scherzchen. Nichts. Und dieses Benehmen. Höflich, ja, das schon. Aber so trostlos.

 

Der Mann:

Die Wohnung hat uns der Großonkel geschenkt nachdem die Tante gestorben ist. Für mich ist sie zu groß, hat er gesagt. Und, ob ihr die jetzt kriegt oder wenn ich dann auch tot bin, da ist mir jetzt schon lieber. Jetzt könnts ihr das besser brauchen. Hat er recht gehabt. Obwohl mir lieber wär, die Tante würde noch leben. Die hab ich sehr gern gehabt. Er auch, da ist er immer noch nicht drüber weg. Jetzt geht er manchmal schon wohin. Nicht ins Gasthaus, da geht er schon auch hin. In die Stadt. Dann bringt er wieder was mit für die Kleine und sie sitzen im Kinderzimmer und reden und lachen. Er erzählt ihr halt Geschichten.

 

Der Großonkel:

Eine Eisenbahn. Ich schenk ihr eine Eisenbahn, hab ich mir gedacht. Das ist gescheit. Da hat sie, wenn sie größer ist, auch noch was. Ich habs mir aufgezeichnet. Ich hab mirs ja genau angeschaut, was die haben. Die Loks, die Waggons, die Schienen. Und die Weichen natürlich, ohne Weichen ist das ja gleich fad. Immer nur im Kreis herum.

 

Die Frau:

Ich bin schwimmen gegangen am Anfang. Mach ich immer noch. Schwimmen und Radfahren. Und daheim Gymnastik. Er hat da nicht mitgemacht. Radfahren schon. Das war sehr schwer damals nach der Geburt. Mit der Figur. Und psychisch. Da haben sie auch gesagt, das kommt vor. Und es geht vorbei. Die Kleine war ja ein richtiger Sonnenschein. Ist sie immer noch. Ich hätt das sonst nicht ausgehalten. Und die Freundinnen, die seh ich selten, seit ich mit ihm zusammen bin. Das hat sich irgendwie verlaufen.

 

Der Mann:

Ich hab ja damals gedacht, das ist überall so. Das mit den Würsteln und dem Kren und dem Glöckchen und so. Aber das ist schon sehr verschieden in den Familien. Hab ich lange nicht gewusst. Ist ja auch ein Familienfest, was eigenes. Ein eigener Brauch. Bei uns gibt es jetzt Karpfen. Da muss ich noch reden mit ihr bevor das wirklich Tradition wird bei uns. Karpfen muss nicht sein. Sonst haben wir eigentlich nichts besonderes. Gut, sie macht jetzt Kekse. Aber das machen andere auch. Irgendwie ist mir das zu wenig. Da müsste mehr sein. Mir fällt halt auch nichts ein.

 

Die Frau:

Vanillekipferl. Das ist die Religion unter den Keksen, da glauben alle das Selbe. Und alle haben recht: die von der Oma sind die Besten. Oder von der Mutter. Oder sonst einer Frau. Von Männern gibt es keine besten Vanillekipferl. Und die vom Geschäft, das ist praktisch ein Sakrileg. Eine Sünde. Bei ihm sind es die von der Großtante. Da hat er auch recht, die waren wirklich gut. Jetzt mag er meine. Obwohl, zu viel Zimt, hat er gesagt, das schmeckt man so durch. Und mehr Staubzucker. Nehm ich halt weniger Zimt diesmal, und mehr Staubzucker. Den mach ich selber. Hab ich auch von seiner Großtante. Normalkristallzucker in der Kaffeemahlmaschine fein mahlen. Schmeckt frischer, fruchtiger. Das macht was aus.

 

Die Mutter:

Wie mit dem Kind, da haben sie lange probiert. Ich hätte die Geduld nicht gehabt. Gut, hab ich auch nicht gehabt. Aber das waren andere Zeiten. Ich hatte genug zu tun, meinem Mann etwas Benehmen beizubringen. Der hat sich ja auch die Hose aufgemacht beim Essen. Das war ganz lustig eine Zeit lang. Nachher gleich ins Bett, keine Umstände. Das gibt schon was her sexuell. Gott sei Dank. Ist jetzt auch schon lange tot. Kommt mir zumindest lange vor, die Zeit vergeht ja so rasch.

 

Die Frau:

Wir wollten unbedingt ein Kind. Er auch. Aber es ist nie gegangen. Obwohl alles in Ordnung war mit uns. Allein die ganzen Untersuchungen. Das kostet viel Überwindung, das alles mitzumachen. Da hab ich überhaupt keine Vorstellung gehabt, was da alles auf einen zukommt. Für ihn war das nicht leicht, er ist ja sowieso sehr schüchtern. Aber er hat das dann ausgehalten. Und immer wieder. Immer wieder probieren. Das hat mit Sex nicht mehr viel zu tun gehabt, das war schon mehr katholisch.

 

Der Mann:

Geschenkpapier muss ich noch besorgen. Verschiedene, hat sie gesagt. Und dieses Band für die Schleifen, das will sie unbedingt. Das wird auch jedes Jahr weniger, was sie besorgt. Und Geschenkpapier aussuchen ist für mich fast so wie Schuhe kaufen. Oder Hosen. Das kann ich nicht. Mögen tu ich auch nicht. Ich probier was an und wenns passt, bin ich wieder weg. Mit ihr dauert es gleich Stunden. Das muss immer länger dauern, sonst ist es nicht Einkaufen.

 

Die Frau:

Wird sie mir wieder ein Kleid schenken heuer. Was Buntes. Wieder was, was ich nicht anziehen will. Leg ich dann hinten in den Kasten zu den anderen, wegwerfen kann ich die ja nicht. Du hast ja nichts anzuziehen, sagt sie, ich kann ja mit dir nirgendwo hin. Wo ist denn das nette rosa Kostüm, dass ich dir blabla, blabla, blabla. Die kann schon nerven. Schuhe, Kleider, Schminke. Und natürlich Leute. Die richtigen Leute. Viel mehr gibt es da nicht zu reden.

 

Der Mann:

Das hat sich jetzt anscheinend eingebürgert, dass ich zu Weihnachten die Sachen besorg. Gut, sie macht dafür die Kocherei und so. Und die Kekse. Das hat sie nicht gekannt vorher. Wie wir zusammengezogen sind, hab ich mit ihr Kekse gemacht. Obwohl ich das gar nicht so kann. Jetzt backt sie gern. Und die Kleine ist voll dabei, die glüht richtig vor Begeisterung. Jetzt backen sie grad daheim. Muss ich mich beeilen, sonst sind sie fertig, bevor ich da bin. Ich kann sowieso kein Geschäft mehr sehen.

 

Der Großonkel:

Unsere Kleine ist gestorben bei der Geburt, danach ist es nicht mehr gegangen. Keine Kinder mehr. Für was uns der Herrgott so straft, das hat mir auch noch kein Pfarrer sagen können. Aber es ist dann eh noch schlimmer gekommen. Da hat dann sogar sie mich in keine Kirche mehr hineingebracht. Aber an das mag ich gar nicht denken.

 

Die Mutter:

War hart am Anfang, ich hab ihn ja wirklich gemocht. Jetzt steht es mir gut, finde ich. Ab und an ein Mann. Das war vorher auch schon so, das hat er gewusst. Ich habe meine Bedürfnisse. Warum soll sich das ändern. Daran ist er ja nicht gestorben. Das war der Stress. Wie hätte er sonst etwas erreichen können. Und erreicht hat er ja was. Trotzdem: Jung ist er gestorben. Das sagen alle.

 

Der Großonkel:

Ist jetzt auch schon wieder sieben Jahre her seit sie tot ist. Lange sieben Jahre. Und die Wochen und die Tage. Ich weiß es ja genau. Das merkt ja keiner, wenn du allein bist. Wie es dir geht. Was du machst. Was machst du schon. Fernsehen, Zeitung lesen, manchmal ein Buch. Was technisches, die Romane, das war mehr ihres. Einkaufen halt. Und was essen. Ins Wirtshaus geh ich nicht. Selten. Ich trink mein Bier daheim. Nicht wegen dem Geld, da hab ich jetzt genug. Mitnehmen kann ich ja nichts.

 

Der Mann:

Warum ich immer die Sachen besorgen muss versteh ich nicht, sie kann das ja viel besser. Ich will jetzt endlich heim.

 

Die Frau:

Die Keksdosen sind sehr schön. Nicht so was aus dem Kaffeegeschäft, das dünne Blech. Die sind von seiner Großtante, Erbstücke praktisch. Natürlich von der Großtante, meine Mutter hat ja so was nicht. Das war sehr traurig damals wie sie gestorben ist. Ich versteh ihn schon, dass er da nicht leicht drüber hinweg kommt. Mehr Ablenkung bräuchte er. Mit der Kleinen, die verstehen sich ja sehr gut. Aber da kommt er dann ein paar mal und dann bleibt er wieder weg. Dann muss ich ihn wieder anrufen. Die Kleine ist dann auch oft verwirrt, sie weiß ja nicht, warum

 

Die Mutter:

Was schenk ich jetzt der Kleinen. Kinder sind ja so schwierig. Wenn das nicht das Richtige ist, mögen sie dich gleich nicht mehr. Wie alt ist die jetzt? Es muss ja passen. Gott, hat das gedauert, bis sie endlich schwanger war. Dieses Getue, wegen einem Kind. Wie sie es dann genau gemacht haben, hat sie mir ja nie gesagt. Aber sie waren schon richtig verzweifelt. Das hat sich ja über Jahre hingezogen. Nichts, nichts, nichts. Und dann wieder nichts. Wie zwei Menschen so unbedingt ein Kind haben müssen, das versteh ich nicht. Ein eigenes. Gibt doch genug. Ich hab ja auch eins bekommen.

 

Die Frau:

Wir haben schon miteinander geschlafen nach der Schwangerschaft, ein paar mal. Aber da war immer noch das Bemühen drin von vorher, das Katholische. Da sind wir nicht weggekommen. Das funktioniert halt nicht so auf die Art. Ich hab nicht mehr weiter gewusst. Er auch nicht offensichtlich. Darüber reden war unmöglich, miteinander reden. Wir haben schon beide gewusst, woher das kommt, jeder für sich. Aber was wir tun können, das haben wir nicht gewusst. So ist es eingeschlafen. Das geht jetzt schon lange so.

 

Die Mutter:

Wie die überhaupt noch miteinander schlafen können nach dieser Tortur. Ich könnte das nicht. Ich kann das nicht verstehen. Da ist ja dann gar kein Spaß mehr dabei, wenn man sich so lange abmüht. Bei uns war das anders. Wir waren ja nie so genau. Da hab ich mich dann schon gewundert. Ich hab natürlich schon gewusst, wenn was ist, kanns nur er sein. Ich bin ja normal. War dann auch so.

 

Die Frau:

Wenn ich die Geschenke hole morgen werd ich ihm sagen, dass es aus ist. Das war ja sowieso ein Blödsinn, ich hab keine Ahnung, was mir da eingefallen ist. Im Fitnesstudio. Das kann auf keinen Fall so weiter gehen. Ich will das ja gar nicht mehr. Aber damals war das eben anders. Er schaut ja auch gut aus. Ein rumänischer Tierarzt ist er, haben sie gesagt. Und er hat sich echt angestrengt. Nicht so diese normale Anbaggerpartie mit Muskelspiel. Hab ich halt gedacht. Hab ich dort auch oft gesehen. In Wirklichkeit war es dann der reine Körper, reden kannst du nichts mit ihm. Nicht wegen der Sprache, es ist einfach nichts im Kopf. Zumindest nichts, was mich interessieren würde.

 

Die Mutter:

Erst hat er sich gesträubt. Wie dann klar war, er kann kein Kind zeugen, hat es wieder richtig Spaß gemacht. Anfangs. Nie mehr aufpassen müssen, das ist schon anders. Freier, lustvoller. Dass ich seinen Samen in Zweifel gezogen habe, die Qualität, das hat er mir aber irgendwie nicht verzeihen können. Schade. Aber da waren dann halt andere. Manchmal. Da habe ich natürlich aufgepasst.

 

Der Großonkel:

Jetzt denk ich das schon wieder. Wird Zeit, dass die Sonne wieder einmal scheint. Das Dumpfe, das Graue, das zerreißt dir ja das Herz auf die Dauer. Wie das die Norweger machen, sechs Monate finster. Da kommt keiner mehr auf. Sie auch nicht. In den Winter ist sie noch gekommen, dann war aus. Es ist so schnell gegangen. In der Kleinen seh ich sie noch. Ich weiß schon, dass das ein Blödsinn ist. Aber aus dem Alter bin ich heraus, wo ich nicht blöd sein darf.

 

Die Mutter:

Als ich dann ein Kind haben wollte, haben wir eben eins adoptiert. War nicht schwer. Geld haben wir genug gehabt. Und der Leumund tadellos. Er wollte es ihr dann später sagen. Dann war der Unfall. Ich sage halt Unfall. Das ist ja nicht normal, dass ein Mensch so stirbt. Auf der Toilette. Einfach so. Peinlich. Wir haben ihn hinüber ins Schlafzimmer, vors Bett. Sie hat mir geholfen. Was sie halt konnte natürlich, klein, wie sie war. Der Arzt hat es sofort bemerkt. Aber er hat auch sofort gewusst, dass er da besser nichts sagt. Das kann ich gut.

 

Der Großonkel:

Den Zug hab ich auch gefunden, mit dem ich gependelt bin am Anfang. Bergwerk und retour. Dort wohnen wollt ich ja nicht, wegen ihr. Ist doch trostlos, keine Kultur. Einmal im Jahr ein Bauerntheater. Das macht man nicht für Geld, dass man dann jemanden herausreißt aus der Stadt. Den schenk ich ihr auch, den Zug. Das kann ich ihr dann erzählen. Sie soll es ruhig wissen, wie das zugegangen ist, damals. Das verschwindet ja. Heute weiß ja keiner mehr was. Die glauben ja alle wer weiß was von den Zeiten. Das stirbt weg. Aber ich werd ihr das erzählen. Solange ich halt kann. Die hört ja auch gerne zu. Für sie sind das Geschichten. Sind es ja auch, gelebte halt.

 

Die Mutter:

Ich habe es ihr dann nicht gesagt. Warum auch. Sie ist ja meine Tochter. Körperlich halt nicht. Sonst schon. Obwohl, wir sind sehr verschieden. Aber das ist bei anderen ja auch so. Sie ist ja mehr wie ihr Vater. Nicht ihr wirklicher Vater. Den kenn ich nicht. Klingt witzig: Nein, den wirklichen Vater kenne ich nicht. Ha, ha. Ich sollte es ihr schon sagen. Ich sage es ihr.

 

Die Frau:

In der Wohnung riecht es jetzt gut. Er wird jetzt bald kommen, dann muss ich mit der Kleinen ins Zimmer, damit sie die Sachen nicht sieht. Sieht eh schon müde aus, die hat sich ganz schön angestrengt. Vielleicht können wir dann reden, wenn sie schläft.

 

Die Mutter:

Das wäre doch lustig. Gerade zu Weihnachten. Sag ich zu ihr: Liebes Kind, ich muss dir etwas sagen. Und dann sag ichs ihr. Warum nicht zu Weihnachten. Wegen dem Kind. Und dem Vater. Das Christkind. Ich find das lustig. Sie sicher wieder nicht. Sie ist so ernst. Also, von mir hat sie das nicht. Wie auch. Das gefällt mir immer besser.

 

Die Frau:

Oder ich sags ihm nach den Feiertagen, im neuen Jahr. Das ist besser. Nicht jetzt zu Weihnachten. Ich sag ihm, dass ich ihn heiraten will. Und dass wir neu anfangen müssen irgendwie. Das es besser werden kann. Werden wird. Wir müssen nur wollen. Dass er das auch will, das spüre ich. Das sag ich ihm auch. Von ihm werd ich ihm nichts erzählen, das ist morgen sowieso vorbei. Außerdem war das nur körperlich. Sex. Gut halt.

 

Die Mutter:

Was schenk ich jetzt der Kleinen. Das bin ich nicht gewohnt, dass ich nichts finde. Ist irgendwie, na ja. Meine Schuhe, wie die aussehen. Der Schnee, das Salz. Furchtbar. Na gut, ich hab ja genug. Trotzdem, da könnten sie schon einmal was tun. Ich werde sie einfach abholen am Nachmittag und dann gehen wir shoppen. Das macht ihr sicher Spaß. Und dann kriegt sie auch, was sie will.

 

Der Großonkel:

Wie seine Eltern gestorben sind haben wir ihn genommen. Fahren mit dem Auto in die Tunnelwand. Da war noch keine Sicherheit damals. Nicht so wie heute. War er halt bei uns. Haben wir doch noch einen Segen im Haus, hat sie gesagt. So einen Segen brauch ich nicht, hab ich gesagt, wo welche sterben müssen. Er hat uns immer Freude gemacht. Ihr mehr, mir war er oft zu brav. Und zu ernst. Sie hat gesagt, der wird noch was.

 

Der Mann:

Das werden wir schon überstehn, die paar Stunden, dann sind sie wieder weg. Ich weiß eh schon, wie es sein wird. Sie sitzt wieder herum und nippt an ihrem Glas. Trinken tut die nicht, da verdunstet eher was. Und den Wein bringt sie sich sicher wieder selber mit, weil da versteh ich ja nichts davon. Ich hab ja keine Lebensart. Woher auch. Und ab und zu eine schnippische Bemerkung. Wir sind ja die Trotteln, mein Großonkel und ich. Kann mir auch egal sein. Ist es leider nicht.

 

Der Großonkel:

Die Wohnung. Das war dann schon gescheiter, dass ich ihnen die gegeben hab. Das war mir schon zu groß allein. Und die Erinnerung. Aber die war günstig damals. Und wir wollten ja Kinder, da wär sie nicht zu groß gewesen. So halt schon, allein. Sie hätten sie sowieso gekriegt, warum warten. Ich hab mir eine kleine Garconniere genommen. Gekauft. Das Geld ist ja herumgelegen, die Abfertigung, die Versicherung. Und gespart war auch noch was. Ich hab ja nichts mehr gemacht. Nichts mehr machen können, ich wollte einfach nicht. Obwohl ich ihrs versprochen hab.

 

 

Möbel hab ich halt keine gehabt für sie. Nur die Alten, aber da hab ich die meisten mitgenommen. Was halt noch was war. Da hat sie ihnen dann geholfen. Geholfen. Die hätten längst einziehen können, aber immer: das noch, und das anders, und das bauen wir noch um. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis sie dann endlich rein haben können. Schön ist es schon geworden. Ein bisserl protzig. Aber das Bad, so was hab ich nie gehabt. Einmal im Hotel, da waren wir am Meer. Eine Busreise. Ich hab das ja gern, ein großes Bad mit viel Tageslicht. Das darf sie ja nicht wissen, da hab ich mir schon was abgeschaut. Nicht so teuer. Aber auch sehr schön.

 

Der Mann:

Und er sitzt dann da und schaut in seine Flasche. Aus dem Glas trinkt er ja nicht gern. Und nach fünf, sechs Bier kommt dann das mit der Wohnung. Dann steht die Mutter wieder auf und geht. Und er geht dann auch, aber nicht so schnell. Und bis ich ihn hinuntergebracht hab sitzt sie dann da und ist angefressen. Aber das geht vorbei.

 

Der Großonkel:

Wir haben uns sehr gefreut, wie er gekommen ist mit ihr. Na ja, ich zuerst eigentlich nicht. Ist eine andere Welt. Aber sie hat gesagt, das ist eine andere Generation, das machen die sich selber aus. Wie ich ihre Mutter das erste mal gesehen hab, hab ich mir gedacht, ich hab doch recht gehabt. Aber das hab ich nicht. Da hat sie immer einen Blick gehabt, ob das passt.

 

 

Jetzt fragt der nach der Karte. Da gibt man einen Haufen Geld aus und dann muss man sich genieren, wenn man bar bezahlt. Ich genier mich nicht, ist mir zu blöd. Soll er sich was denken. Wie bring ich das jetzt heim, ist eine große Schachtel geworden. Nehm ich doch lieber ein Taxi. Und dann auf den Friedhof bevor es finster wird. Wie jeden Tag.

 

 

 

Das Fest:

Keks & Karpfen/anonym

 

Der Mann:

 

Alles fertig. Das ist sich heuer besser ausgegangen. Die müssen ja gleich kommen. Ist schön geworden. Nicht so überladen wie sonst. Aber heuer hab ich es allein gemacht. Die Geschenke auch. Der Wein ist auf dem Tisch, Bier im Kühlschrank. Er trinkt ja keinen Wein. Sagt er. Aber das kenn ich anders auch.

 

Die Mutter:

Das ist jetzt Zeit geworden, mir ist schon ganz kalt. Und sie friert auch. Aber die Kinder spüren das ja nicht. Zwei Stunden durch die Kälte und den Schnee, das merkt die nicht. Meine Schuhe. Die sind für den Müll. Schade, die waren schön. Die Zehen sind ganz durchgefroren.

 

Der Großonkel:

Vor der Tür muss ich die treffen. Das schaut ja aus wie ausgemacht. Wenigstens ist die Kleine da. Die freut sich.

 

Die Frau:

Pünktlich sind die. Und alle auf einmal. Als ob sie sich verabredet hätten. Aber das haben die sicher nicht. Wenigstens ist drinnen alles fertig. Die Kekse. Die Kleine ist ganz aufgedreht. Ihre Strümpfe sind ganz nass. Umziehen. Das muss sie sowieso. Hausschuhe für die Mutter, wo sind die wieder. Ihre Schuhe sind hinüber, trocknen nützt da nichts mehr. Pantoffeln für ihn. Die sollen endlich reingehen.

 

Die Mutter:

Was für eine Aufregung. Ich muss mich hinsetzen, erst mal eine rauchen. Der Wein ist in Ordnung. Klar, den hab ich selber mitgebracht. Er weiß ja nicht, was das ist, ein guter Wein. Tonnen von Keksen, wer soll das essen. Ich werde zumindest kosten, ich weiß, das macht ihr Freude. Die hat sie schließlich selbst gemacht.

 

Die Frau:

Jetzt ziert sie sich wieder. Knabbert an einem Keks herum. Da kann ich nicht hinschauen, das regt mich auf. Sie hat ja keine Ahnung, wie viel Arbeit das ist. Sie hat das ja nie gemacht. Allein, wie sie schon da sitzt. So korrekt.

 

Der Großonkel:

Die sind sicher mit Margarine. Die gehören mit Butter, das schmeckt ja sonst nach nichts. Das hätts bei uns nicht gegeben, mit Margarine. Obwohl, wie wir nichts gehabt haben damals... Wenigstens Bier ist da.

 

Die Frau:

Und die Raucherei. Stinkt wieder alles. Jedes Mal, wenn sie da war, kann ich die Vorhänge waschen. Aber das war ja schon immer so, sie nimmt halt keine Rücksicht. Auf niemanden. Nicht einmal aufs Kind. Auf mich sowieso nicht. Jetzt raucht der auch noch.

 

Der Großonkel:

Na ja, Schmalz hats wenigstens gegeben. Auch nicht immer. Schwere Zeiten. Aber das zählt ja heute nichts. Woher sollen sie es auch wissen, sie haben ja immer alles gehabt. Sie sowieso. Bei der Verwandtschaft.

 

Die Mutter:

Das war klar, das wird keine Unterhaltung. Wie auch. Nur kein Fernsehen, das bitte nicht. Lieber spreche ich noch über Leute, die ich nicht kenne.

 

Der Mann:

Wenigstens ist es heute ruhig. Obwohl, es ist noch früh. Und wenn der so weiter trinkt, wir haben ja noch nicht einmal gegessen. Schon wieder ein Bier.

 

Der Großonkel:

Wir haben schon auch geschaut, obwohl es nicht leicht war. Aber die Wohnung ist von mir, die haben sie von mir bekommen. Von uns. Es war ja unsere Wohnung. Backen kann sie jedenfalls nicht. Das sind ja keine Kekse. Die Kleine futtert in sich hinein. Und nachher isst sie wieder nichts. Da sagt keiner was. Ich sag jedenfalls sicher nichts. Das fehlt mir noch. Heute nicht. Soll sie ruhig.

 

Die Frau:

Mach ich halt auf. Lüften. Ich muss sowieso in die Küche, die Nudeln aufstellen für die Suppe. Er isst die ja nicht ohne Nudeln. Und wehe, es ist kein Suppenzeug drinnen, dann geht es wieder los.

 

Der Großonkel:

Wenigstens ist sie brav, die Kleine. Kommt mehr nach ihm. Kochen kann sie nicht. Kein Fett. Wo soll da der Geschmack herkommen ohne Fett. Das wissen sie nicht, die Jungen. Das hat sie von ihrer Mutter, die kann das auch nicht. Ein bisschen Fett würde der nicht schaden, ist ja nichts dran an der. Das Bier ist auch fast leer, aber das sieht er wieder nicht. Ich sag nichts. Zumachen könnte sie jetzt auch wieder, es ist kalt.

 

Die Frau:

Die Geschenke liegen schon unterm Christbaum. Der ist schön geworden, nicht so viel Zeug drauf wie sonst. Da ist er heuer wenigstens rechtzeitig fertig geworden. Er weiß ja, dass er die Geschenke einpacken soll. Ich hab wirklich genug zu tun, die ganze Kocherei und alles. Soll er sich kümmern, was sie reden. Und dass sie was zu trinken haben. Die Kleine ist schon ganz unruhig.

 

Der Großonkel:

Werden wir schon sehen, wie lang das wieder dauert. Was soll ich mich ärgern, nutzen tut es eh nichts. Zigaretten hab ich genug, im Mantel sind noch welche. Sie mag es nicht, wenn ich rauche. Normal geh ich sowieso auf den Balkon, schon wegen der Kleinen. Daheim auch. Aber zu Weihnachten kann man doch einmal eine Ausnahme machen.

 

Die Frau:

Der Engel drauf, das ist Tradition. Wie der Karpfen. Ich mag ja Karpfen nicht so gern. Aber der hat ihm so gut geschmeckt damals. Da haben wir noch allein gefeiert. Unsere erste Wohnung.

 

Die Mutter:

Also, das ist krankhaft, dieses Lüften. Nach jeder Zigarette. Und ständig in die Küche und zurück. Lange mach ich das heute nicht mit. Die Bescherung, ein Glas Wein und ab nach Hause.

 

Der Großonkel:

Ihre Mutter raucht ja auch, da sagt sie nichts. Die hält sich auch für was Besseres, was soll ich mit der reden. Die hat nie arbeiten müssen so wie ich. Ich hab das alles erarbeitet mit meinen Händen. Die Wohnung. Und die andere. Meine.

 

Der Mann:

Karpfen. Ich mag gar keinen Karpfen. Seit ich damals gesagt hab, der ist gut, gibt es immer Karpfen. Aber so eine Tradition gibt es auch anderswo. Obwohl, da müssen wir sicher einmal reden.

 

Der Großonkel:

Ich gönn sie ihnen schon, die Wohnung, die können sie schon haben. Ich brauch ja nicht mehr so viel Platz. Einfacher ist es auch für mich. Dankbarer könnten sie sein. Aber da sagt keiner was. Das Bier ist auch schon wieder leer.

 

Die Frau:

Bis das Wasser kocht für die Nudeln. Und der Karpfen ist dann wieder zu weich.

 

Der Großonkel:

Die Kleine wird schon ganz zappelig, die Geschenke. Bin ich neugierig, ob sie sich freut. Puppen hat sie eh genug. Jetzt wird einmal gegessen.

 

Die Mutter:

In der Küche essen. Na gut, sie hat sich Mühe gegeben mit dem Gedeck. Und die Herren essen wohl gern gewöhnlich. Rindsuppe mit dünnen Nudeln.

 

Der Großonkel:

Den hat sie schön gedeckt, den Tisch. Riechen tut es auch gut. Das wird schon schmecken, ich hab Hunger. Gute Suppe. Karotten, Sellerie, Peterwurz. Gute Farbe. Und viel Nudeln. Sehr gut. Da kann man nichts sagen, das hat sie jetzt gelernt. Eigentlich hab ich sie ganz gern.

 

Die Mutter:

Und Schwarzbrot dazu. Der tunkt das ein. Nun ja.

 

Der Großonkel:

Jetzt schaut die wieder, weil ich aus der Flasche trinke. Drinnen hab ich eh ein Glas.

 

Der Mann:

Den Weißwein für den Fisch. Bis jetzt ist es ganz gut gegangen. Aber da kommt sicher noch was. Wie sich die anschauen, da muss man ja Angst haben in der eigenen Wohnung.

 

Der Großonkel:

Warm ist es mir geworden. Der Pfeffer.

 

Der Mann:

Nächstes Jahr fahren wir weg. Das mach ich nicht mehr mit.

 

Die Frau:

Das habe ich gewusst, der ist weich geworden. Die Wohnung. Seine Wohnung. Das kommt heut sicher noch.

 

Der Großonkel:

Der Karpfen dampft, der ist sicher viel zu weich. Das macht nichts, da fallen dann die Gräten leichter ab. Schmecken tut er gut. Zu wenig Knoblauch, aber da weiß ich schon, warum. Mehr Kartoffeln könnten sein. Was solls, zwei Teller Suppe, da reicht das schon. So viel brauch ich ja nicht.

 

Die Mutter:

Das ist schnell gegangen. Der Wein zu warm, der Fisch zu weich. Und die Kartoffel. Ich werde sie wohl wieder einmal einladen müssen. Nicht nach Hause, ins Restaurant. Wird Zeit für die Bescherung. Ich stehe schon mal auf.

 

Die Frau:

Helfen braucht sie mir nicht, das mach ich lieber selber. Die können ruhig rüber gehen. Die sollen ruhig ohne mich anfangen.

 

Der Großonkel:

Erst einmal eine rauchen, jetzt ist ja wieder Luft herinnen. Und ein Bier. Die Kleine glüht ja richtig.

 

Der Mann:

Jetzt brauch ich ein Bier. In aller Ruhe. Und eine Zigarette. Ist schon egal, so wie es da riecht. Vielleicht gehen sie heuer früher. Die Lichter muss ich noch anstecken.

 

Der Großonkel:

Jetzt wird es wirklich Zeit. Die Geschenke. Was macht die da draußen, zusammenräumen kann sie auch später. Ich zünd jetzt die Sternspritzer an. Die wird schon kommen.

 

Die Frau:

Die haben tatsächlich gewartet. Das ist nett. Das schaut schön aus mit den Sternspritzern und den Lichtern. Wir haben ja Kerzen gehabt, früher. Aber das ist zu gefährlich mit dem Kind.

 

Der Großonkel:

Ich habs gewusst, sie freut sich. Die werden wir jetzt einmal aufbauen. Ich muss ihr helfen.

 

Der Mann:

Eine Eisenbahn. Das war keine schlechte Idee. Und gleich so ein Monstrum. Ich helf ihm lieber, so wie der sich anstellt. Die soll ja länger halten, die war sicher nicht billig.

 

Die Mutter:

Eine Spielzeugeisenbahn, das war ja klar. Das können sich die Männer ja jetzt selber schenken. Na gut, haben sie wenigstens zu tun. Und ich muss nicht mit ihnen reden.

 

Die Frau:

Friedlich ist das, wie die Männer spielen. Und die Kleine mit den anderen Geschenken. Endlich Ruhe.

 

Die Mutter:

Die Zeichnung ist ganz schön, die werd ich rahmen lassen. Die freut sich, wenn sie einmal kommt. Ich werde sie in den Vorraum hängen. Das macht sich sicher gut. Jetzt könnte ich es ihr sagen. Vielleicht doch nicht. Ich werde noch etwas warten. Ein Glas Wein noch.

 

Die Frau:

So lang muss sie auch nicht aufbleiben. Es wird Zeit. Auch, wenn Weihnachten ist. Sie schaut eh schon ganz müde aus den Augen, ich bring sie jetzt ins Bett. Wie sie brav mitgeht. Sie ist richtig müde. Da sparen wir uns ausnahmsweise einmal das Waschen, dann kann sie gleich schlafen gehen. Den Pyjama schon.

 

Der Mann:

Er trinkt zu viel. Mitgezählt hab ich nicht, aber man sieht es ihm schon an. Jetzt sitzt er wieder da und sinniert. Da kommt sicher noch was. Wie er in die Flasche schaut. Ist ja irgendwie schon wieder witzig.

 

Der Großonkel:

Ich hab nur gefragt wegen der Wohnung, jetzt regen sie sich wieder auf. Man kann nichts recht machen. Ich sag nichts mehr. Nur keinen Streit. Heute sicher nicht.

 

Die Frau:

Das habe ich gewusst, dass das noch kommt. Das kann er sich nie ersparen. Wir hätten die nie nehmen sollen. Jedes mal dasselbe. Ich geh ins Bett.

 

Die Mutter:

Na, da brauche ich dann sicher nichts mehr sagen. Die Krawatte sollte man ihm noch umhängen, dem Idioten. Siehst du, so geht ein schöner Tag zu Ende. Nun, das kennen wir ja schon. Es wird Zeit, den Rest können sie auch alleine machen. Traurig ist das. Gott sei Dank schläft die Kleine schon.

 

Der Großonkel:

Die ruft sich natürlich ein Taxi. Ein Taxi, sicher. Und ich, ich kann ruhig zu Fuß gehen. Gut, ich hab nicht weit, aber fragen hätte sie schon können. Ich wär eh nicht mitgefahren. Bleib ich halt da.

 

Der Mann:

Das nützt mir nichts, wenn er es eh nicht so meint. Ich hab immer den Ärger. Da braucht er jetzt nichts mehr reden. Und wenn die Tür schon offen ist ...

 

Der Großonkel:

Ein Bier noch, dann geh ich heim. Schnaps gibt’s hier sowieso keinen. Wär auch nur wegen der Tradition. Ich brauch keinen Schnaps. Daheim hab ich auch keinen. Kein Bier mehr? Ist auch recht. Ich geh jetzt heim, ich bin müde. Wo sind meine Schuhe. Austrinken muss ich noch.

 

Der Mann:

Das dauert wieder, bis man den unten hat. Und ich kann es dann wieder ausbaden. Deine Verwandtschaft. Als ob ihre besser wäre. Was solls.

 

Der Großonkel:

Jetzt spür ich’s doch ein bisserl. Kalt ist es. Einen Schnaps hätt es schon geben können. Das ist Tradition. Aufs Klo muss ich.

 

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