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08 - der psychiater

http://www.kunstradio.at/2005A/13_03_05.html
gesendet am 13.03.2005 23:05 Uhr auf ORF - Ö1 - Kunstradio
Sprecher: Dirk Stermann / Tontechnik: Harald Landgraf

 

 

Sie sitzt drüben am kleinen Tisch. Sie zeichnet. Ich weiß, dass ich das jetzt nicht anschauen darf. Der Abstand, nicht zu weit weg. Nicht zu nah. Der Raum ist nicht groß. Vor dem Fenster ist es dunkel. Es wird nicht so schnell hell. Und Nebel ist auch. Wenigstens ist es hier warm. Ich hab die Lampe über dem Tischchen eingeschaltet und meine Schreibtischleuchte. Ist besser als das Neonlicht. Jetzt nichts fragen. Ich gehe auch nicht hin zu ihr. Sie ist müde. Ich muss warten.

 

Diese Nachtdienste sind schlimm, es ist langweilig. Ich nehme mir immer etwas zu arbeiten mit. Oder zu lesen. Wenn es nicht langweilig ist, ist es auch schlimm. Die Betrunkenen. Verbale Warteschleifen, bis endlich das herauskommt, um was es geht.

 

Die Bahnhofsakustik. Die hohen Räume, das Neonlicht. Ich hab schon Topfpflanzen von zu Hause mitgenommen, aber viel nützt das nicht. Es bleibt einfach kahl und leer, obwohl alles vollgestellt ist. Die alten Möbel. Und der abwaschbare Anstrich bis einmeterachtzig. Der Rand oben herum, die Linie. Die Gitter vor den Fenstern. Wenn man spricht, fühlt man sich beobachtet von der Akustik. Die Betrunkenen fangen dann an zu nuscheln. Die anderen sprechen einfach leiser, da muss man lauter fragen. Das schüchtert sie ein. Wieder warten. Es dauert alles ewig. Und die Papiere. Formulare.

 

Sie hat sich auf die kleine Couch gesetzt. Die Kinderecke. Ein Tischchen, zwei Stühlchen, die kleine Couch. Buntstifte, Papier und etwas Spielzeug aus der Sammelkiste. Sie hält den Teddybär vor sich in den Armen. Sie redet nicht. Warten.

 

Diese Farben an den Wänden. Es ist frisch gestrichen, die Farben sind alt. Ich muss einen Antrag stellen, aber das bringt nichts. Weil, eigentlich gibt es mich gar nicht. Es ist ein Versuch. Psychosoziale Betreuung für verhaltensauffällige Angehaltene. Oder eben so ähnlich. Wer das nicht gelernt hat, kann sich das nicht merken.

 

Es hat eine Serie von Selbstmorden gegeben nach dem Führerscheinentzug. Die Zeitungen haben geschrieben, dass man die nicht so einfach heimschicken kann. Also habe ich Nachtdienst. Obwohl, die meisten kommen gar nicht bis zu mir, die sitzen halt länger unten beim Arzt herum. Das Geld kann ich brauchen. Viel ist es nicht. Aber viel Arbeit ist es auch nicht.

 

Sie hat sich hingelegt auf die Couch und schaut in die Luft. Ich bringe ihr ein Kissen. Sie sagt danke. In die Knie gehen, nicht größer sein. Sie klemmt das Kissen hinter den Kopf, dann schaut sie wieder in die Luft. Nichts reden, keinen Stress. Warten. Der Teddybär vorne in den Armen.

 

Ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch. Tun kann ich nichts. Sie soll spüren, dass ich da bin.

 

Führerscheinentzug. Das ist eine Tragödie. Ist auch teuer geworden. Aber das Geld ist es nicht, sie haben Angst vor dem Gesichtsverlust. Ohne den Schein kein Sein. Immer dieselben Gespräche. Die gleichen. Aber sie sind sich so ähnlich. Langweilig. Bis man sie aus dem Hirntrott herausgeleitet hat und heimschicken kann - Langeweile.

 

Interessanter sind schon die, die sie zu mir schicken, weil im Nachtdienst keiner französisch kann, oder spanisch, oder etwas besser englisch. Ohne Papiere aufgegriffen. Das hat sich herumgesprochen, die schicken sie zu mir. Wenn sie nichts angestellt haben. Die sitzen bei mir herum, und wir füllen Formulare aus. Bis der Tagdienst kommt. Die machen dann die Formulare neu. Das hat gedauert, bis ich das bemerkt habe. Ist ja auch eine andere Abteilung. Die meisten sind sowieso drüben im Gefangenenhaus. Die kommen gar nicht bis zu mir, auch wenn sie auffällig sind. Oder deshalb. Die Besoffenen schlafen unten.

 

Sie hat die Augen zu. Aber sie schläft nicht. Sie haben mir auch gar nichts gesagt, ich weiß nur den Namen. Den Schock habe ich gesehen. Geschrieen hat sie nicht, es waren keine Flecken im Gesicht. Geweint hat sie auch nicht. Viele sind ganz ruhig im Schock. Und man weiß nicht, wie lange es dann dauert, bis sie anfangen. Weinen oder schreien. Das weiß man auch nicht. Sie hält den Teddybär ganz fest. Der Kopf ist auf die Seite gekippt. Sie ist eingeschlafen. Entspannt ist sie nicht. Warten. Der Bericht.

 

Einfach abgeladen hier. Das ist schlimm, wenn man nichts tun kann, wenn man nichts weiß. Eine Frau war dabei, die hat das Kind getragen. Aber die haben sie mitgenommen wegen der Aussage. Das Kind ist einfach dageblieben. Sie ist zum Tischchen gegangen und hat sich hingesetzt. Nichts gesagt. Ich bin in die Knie gegangen, nicht größer sein, Abstand halten, nicht zu weit weg. Irgendwann hat sie zu zeichnen angefangen. Da hab ich mich dann an den Schreibtisch gesetzt. Sie hat mich angeschaut. Dann hat sie weitergezeichnet. Jetzt schläft sie.

 

Draußen wird es grau. Nebelig, kalt. Eine lange Nacht. Vorher war überhaupt nichts, da ist überhaupt niemand gekommen. Drüben war es auch ruhig. Manchmal gehe ich rüber eine rauchen und etwas reden. Aber dazu gehöre ich da nicht. Ich komme ja von draußen. Und Österreicher bin ich auch nicht, das hört man. Und der Beruf. Richtig gut kann ich nicht sein, sonst wäre ich ja gar nicht hier. Ich mag den Abstand. Nach fast achtzehn Jahren immer noch. Eine ruhige Nacht.

 

Es klopft leise an der Tür, dann geht sie einen Spalt weit auf. Der Kollege von drüben. Ich schaue zur Couch. Sie hat sich auf die Seite gedreht und schläft entspannter. Ich gehe hin und decke sie zu. Sie merkt es nicht. Dann nehme ich die Zigaretten vom Schreibtisch, Feuerzeug, ich gehe hinaus. Die Tür bleibt einen Spalt weit offen. Auf dem Gang zünde ich mir eine an. Es tut gut.

 

Der Kollege fängt an zu reden, ich deute ihm, er soll leise sein und dann hinter mich zur Tür. Er flüstert, bei der Akustik zischelt es. Schwer zu verstehen. Zuhören. Ist hart, wenn man so müde ist. Der Autobahnparkplatz, das Blut. Die Mutter ist im Krankenhaus, schwer verletzt, der Vater tot. Ich frage. Sie hat geschlafen im Auto, nichts mitbekommen. Die Frau hat sie dann aufgeweckt. Sie hat sie herumgetragen, bis die Beamten da waren und die Rettung. Die waren sicher laut. Und die Lichter. Keiner weiß, was sie gesehen hat. Wahrscheinlich alles. Sie hätte sie weiterschlafen lassen sollen. Aber die war auch im Schock. Sie haben sie jetzt heimgeschickt.

 

Der Kollege sagt, dass er so etwas auch noch nicht gesehen hat. Blut schon, aber so. Ich zünde mir noch eine an. Eigentlich darf man hier nicht rauchen, aber es gibt Aschenbecher an den Wänden. Der Kollege raucht jetzt auch, ich habe ihm eine angeboten. Er wiederholt die Sätze. Dann sagt er, dass jemand kommen wird die Kleine abholen. Es kann noch etwas dauern, die schlafen alle noch. Aber sie haben angerufen. Ich sage, dass ich da bin bis zur Tagschicht, aber wenn es länger dauert - ich lass sie nicht allein. Ich werde warten.

 

Von drinnen ist nichts zu hören. Noch eine Zigarette. Die Sucht. Der Rauch im Gang. Es wird zu viel geheizt. Er redet weiter, wiederholt die Sätze. Dann geht er hinüber, die Arbeit. Ich stehe allein am Gang, ich rauche. Jetzt weiß ich wenigstens, was passiert ist. Nichts Genaues. Helfen tut das nicht. Aber helfen kann ich sowieso nicht. Das geht nur in der Therapie. Hier ist Erstversorgung, wie bei der Rettung. Draußen wird es heller. Ein paar Autos unten auf der Straße, ein paar gehen.

 

An meinem Schreibtisch. Sie hat sich umgedreht im Schlaf. Und in die Decke gewickelt. Den Daumen im Mund. Mit der anderen Hand den Teddybär. Ich sitze herum und bin ruhig. Denken kann man immer etwas. Und aus dem Fenster schauen. Viel sieht man nicht, der Nebel. Die Bäume grau. Und drüben das Haus, aber da weiß ich, dass es da ist.

 

Das Telefon surrt, ich habe es leise gestellt. Der Kollege, es kann nicht mehr lange dauern. Ich bin müde. Hoffentlich wacht sie nicht auf. Ich gehe leise zu ihr hinüber. Auf dem Tischchen die Zeichnungen. Ich schiebe sie ordentlich zusammen, die sollen die dann mitnehmen. Ich gehe in die Knie. Ich schaue ihr ins Gesicht. Es ist angespannt. Die Augen gehen schnell unter den Lidern. Der Daumen im Mund, sie beißt darauf herum. Ich ziehe ihn vorsichtig heraus, er ist rot. Ich schiebe ihren Arm unter die Decke. Zum Teddybär. Sie hält ihn fest. Sie wacht nicht auf.

 

Vor dem Fenster die Vögel, ich am Schreibtisch. Die fallen mir jetzt erst auf. Die müssen schon länger singen. Man hört grüßen von unten, die Tagschicht kommt. Draußen ist es kalt. Es kann nicht mehr lange dauern. Ich packe das Laptop ein und meine Sachen. Ein ordentlicher Schreibtisch. Der Bericht. Das Formular. Ich lehne mich zurück. Die Pflanzen hab ich schon gegossen. Hier ist es viel zu heiß.

 

Ich schrecke hoch. Auf dem Gang höre ich jemanden gehen. Ich bin eingenickt. Stöckelschuhe. Sie kommen näher. Es ist Tag. Sie dreht sich unruhig um im Schlaf. Die Tür geht auf, laut. Eine Frau kommt herein. Sie wacht auf, sie schaut sich um. Die Frau geht zu ihr hin und nimmt sie hoch. Die Augen werden groß. Sie beginnt zu schreien.

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