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"Herr Pall on Tour", Foto: Sandra Ziagos
"Herr Pall on Tour", Foto: Sandra Ziagos

Beschissene Verhältnisse II *

 

   Do, 5. April 2018, 19:00 Uhr

albert pall

"Beschissene Verhältnisse II"
Ort:
RHIZOM, Annenstraße 52, 8020 Graz

 

Teil 1
"Eine kleine Polemik"
Das Geld, mit dem man Geldgeschäfte macht, existiert ja eigentlich gar nicht. Es steht nur in den Büchern. Deswegen heißt es auch Buchgeld. Es ist nur was zum Lesen.

 

Teil 2
"beschissene Verhältnisse - neu geladen"
Als Beispiel dafür, wie kapitalistische Stereotype vorprogrammiert und nachgespielt werden, benutzen wir selbstverständlich, weil ja programmiert, ein Computerspiel, in diesem Fall einen LKW-Simulator.

 

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   Intermezzo: "So geht Kohle!"

Bitte stimmen Sie ab!

 

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   Fr, 29. Juni 2018, 19:00 Uhr

albert pall / e.d gfrerer

"Beschissene Verhältnisse II"
Ort:
RHIZOM, Annenstraße 52, 8020 Graz

 

Teil 3
"Nur zum Vergleich:"

Über das Leben mit Zahlen.

 

Teil 4
"Ihre Meinung bilden Sie Sich gefälligst selbst!"

Über das Leben in der Blase.

 

* frei nach: Albert Pall, "beschissene verhältnisse", malaktion / lesung, Juli 2006 bei rhizom.lebend.geschichte

 

im Rahmen der RHIZOM - Projektreihe "SdV - Die Schwerkraft der Verhältnisse“ * von März bis Juni 2018
* Marianne Fritz

 

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Teil 1
"Eine kleine Polemik"

 

Anzunehmen wäre, dass eine Gesellschaft die Regeln für ihr Zusammenleben selbst bestimmt. Und das Instrument zur Regelfindung wäre Politik. Derzeit verhält es sich allerdings so, dass sich das Instrument zur Regelfindung, die Politik, zu einem Instrumentarium der Wirtschaft umstrukturiert.

 

Dies hat zur Folge, dass die Gesamtheit der Notwendigkeiten für ein gedeihliches Zusammenleben in einer Gesellschaft simplen Marktmechanismen unterworfen wird. Die Auswirkungen sind katastrophal: alles, was nicht zum weiteren Wachstum der Wirtschaft beitragen kann (weil es andere Zielsetzungen verfolgt), wird als obsolet betrachtet und kann daher, eben den Mechanismen des Marktes folgend, eingespart werden. Das frei werdende (Volks-)vermögen, der Realwirtschaft entzogen, wird zum Spielgeld auf den virtuellen Märkten.

 

Politik betreibt daher nicht nur die kalte Enteignung ihres Souveräns, sondern retourniert auch, mangels Vermögen, die soziale Verantwortung an den Auftraggeber, ohne einen Ausgleich dafür anzubieten. Mit dem (Tot-)Schlagwort "Eigenverantwortung" wird der Rückzug der Politik aus der Pflicht gegenüber der Gesellschaft gerechtfertigt.

 

Soweit die Prämisse zu "SVA - Social Venture Analysis", ein Projekt von RHIZOM im April / Mai 2014.

 

Heute, zehn Jahre nach dem Beginn der sogenannten Bankenkrise und vier Jahre nach dem Projekt SVA von RHIZOM, haben sich die Zustände für das „gemeine Volk“ nicht gebessert. Während im Jahr 2009, dem Jahr nach dem Bankencrash, das Vermögen der reichsten 10% der Weltbevölkerung um 2% gewachsen ist und heute nur mehr einem Prozent der Superreichen die Hälfte des Weltvermögens gehört, darf das „gemeine Volk“ noch noch immer die Verluste der unregulierten Spekulationswut der Veranlagungsspezialisten abtragen. Mit welcher Chuzpe die Bankrotteure den Zugriff aufs Volksvermögen rechtfertigen, möchte ich hier nur mit EINEM Zitat belegen. „Wenn jemand im Casino Haus und Hof verspielt, werden auch nicht die Nachbarn mitzahlen“, hat der damalige Bank Austria-Boss Willibald Cernko im Mai 2013 zur geplanten Fortführung der Bankenabgabe bemerkt. Heisst auf Deutsch eigentlich nichts anderes als: die Deppen, also wir, sollen zahlen. Solidarität geht anders, zumindest eine vorgeschobene. Weil wir ja selbstverständlich auch die Bankenabgabe zahlen. Die ist, neben vielem anderen, nur ein Posten in der Kalkulation.

 

Um was es wirklich ginge, wäre eine tatsächliche Beteiligung des Finanzsektors an den Staatshaushalten, sprich: Steuern auf Spekulationsgeschäfte. Und etwas, was sich Steuer nennen dürfte, auf die Gewinne von Grosskonzernen. Und Steuern auf Kapitalerträge, die nicht auf dem Sparbüchl liegen, da zahlen wir ja schon 25%. Und Steuern auf arbeitslos ererbtes Vermögen. Oder überhaupt eine Vermögenssteuer, die diesen Namen auch verdient. Diese Einnahmen täten wir dringend brauchen, um zumindest die dringendsten Bedürfnisse unserer Gesellschaften bezahlen zu können, bevor uns das ganze Ding wieder einmal um die Ohren fliegt. Was wir aber tatsächlich kriegen, sind Lug und Trug und Eitelkeit, die Zutaten für die Hungerspiele eines entfesselten Turbokapitalismus.

 

Im Jahr 2015 sind dann Gottseidank "die Flüchtlinge" gekommen. Dass die Zivilgesellschaft für die Versäumnisse und Unfähigkeit von Politik und Verwaltung bei der Bewältigung der Probleme eingesprungen ist, die waren nämlich heillos überfordert, spielt keine Rolle mehr. "Die Flüchtlinge" dürfen nämlich auch heute noch für alles herhalten, was eine selbstgefällige neoliberale Politikerkaste jeden Tag verbockt. "Die Flüchtlinge" sind schuld an den Problemen am Arbeitsmarkt. "Die Flüchtlinge" sind schuld daran, dass unsere Kinder nichts mehr lernen. "Die Flüchtlinge" sind schuld am Rechtsruck in der Gesellschaft. "Die Flüchtlinge" sind schuld an eh allem. "Die Flüchtlinge" sind aber besonders an einem schuld: nämlich, dass wir kein Geld mehr haben. Weil die so viel kosten.

 

Deshalb brauchen wir jetzt Studiengebühren, weil wir uns sonst das Studium nicht mehr leisten können. Wir brauchen keine Notstandshilfe mehr, weil es eh die bedarfsorientierte Mindestsicherung gibt. Von dieser Mindestsicherung sollten wir uns aber auch gleich eine private Altersvorsorge auf die Seite legen, weil da ja keine Pensionsversicherung dabei ist. Wir brauchen keine Ausbildungsprogramme für Arbeitslose, weil die ja eh keine Arbeit mehr finden. Und überhaupt brauchen wir keine Arbeitslosen mehr, weil die uns sowieso nur dauernd auf der Tasche liegen. Was die reinen Wirtschafter jetzt aber wieder anders sehen, weil Lohndumping ohne Arbeitslose ja gar nicht geht. Was wir schon brauchen, ist, dass die Leute jetzt zwölf Stunden am Tag arbeiten, damit was weitergeht. Wo die Wissenschaftler, die wir leider auch noch brauchen, obwohl wir nicht auf sie hören mögen, aber wieder sagen, dass nach sechs Stunden Arbeit nicht mehr wirklich was weitergeht. Is aber wurscht, weil, wenn das Produkt dann fehlerhaft ist, können wir uns beim Call-Center beschweren. Oder, wenns gar schief geht, sterben halt ein paar Leute. Wär ja nicht das erste Mal. Was wir dringend brauchen, ist eine Steuersenkung für Gutverdiener. Was wir noch dringender brauchen, ist eine Bevorzugung von Gutverdienern beim Kindergeld. Was wir aber ganz dringend brauchen, ist eine Wirtschaftsförderung für Grossunternehmen, damit die dann in der Bilanz was zum Lachen haben. Steuergeld als Bilanzgewinn, das muss dir einmal einfallen.

 

In dieser Welt, in der humanistische, oder neuerdings auch "europäische", Werte auf wirtschaftliche Kompatibilität dekonstruiert werden, in der also Zahlen mehr Bedeutung beigemessen wird als Menschen, und in der die dadurch finanziell und sozial diskriminierten Menschen öffentlich denunziert werden, in dieser Welt der sich selbst lobhudelnden kleinen Clique der sogenannten Ehrlichen, Fleissigen und Erfolgreichen also, spielen wir, die grosse Mehrheit, das Volk, keine Rolle. Wir stören nur bei dem, was in diesen wunderbaren Zeiten das Wichtigste ist: wir stören beim Geschäft.

 

Was wir aber aus der Geschichte gelernt haben, ist, dass du einem Geldvermögen noch mehr Geld vorne und hinten hineinstopfen kannst, es kommt einfach nichts mehr heraus. Ganz im Gegenteil: die kapitalistischen Konstruktionsparameter ständiges Wachstum und Zins und Zinseszins führen auch nach den einfachsten mathematischen Gesetzen regelmässig zur Implosion des Marktes, dem errechneten Vermögen kann kein realer Wert mehr gegenüberstehen, die Blase explodiert und erzeugt dabei allerdings reale Schulden, die nach neoliberaler Denke dann der Allgemeinheit überantwortet werden. Diese sehr verkürzte und polemische Darstellung ändert nichts an der Tatsache, dass sich Börsencrashs in unregelmässigen Abständen regelmässig wiederholen. Für die TeilnehmerInnen am Spiel geht es eigentlich nur darum, den Absprung aus dem Karussell rechtzeitig zu erwischen, um zu den GewinnerInnen zu gehören. Dieser Casino-Gedanke (siehe Zitat oben) ist also das eigentliche Grundgerüst unserer derzeitigen Welt- und Geldwirtschaft.

 

Würde man allerdings in Menschen investieren, würden die sogar mehr zurückzahlen, als man hineingesteckt hat. Da hätten alle was davon. Und dann würde es sogar der Wirtschaft gut gehen. Das ist allerdings linkslinkes Geschwätz. Und es ist eine "Hetze gegen die Reichen", wie Sebastian Kurz sich bei Sandra Maischberger in der ARD im Februar 2018 bitter beklagte.

 

Wenn sie für solche Dummheiten dann doch irgendwann einmal, wenn auch nur argumentativ, was auf die Fresse kriegen, dann zeigt sich das wahre Gesicht dieser neuen Weltenordner. Sie sind tief verletzt und beleidigt. Da rufen diese Slim-Bürger und Geldsäcke dann den Staat an um Sicherheit und Ordnung. Um das Recht auf ein Leben in Anstand und Würde. Nämlich um genau das, was sie allen anderen Menschen beim grössten legalen Raubzug der Menschheitsgeschichte ständig verwehren.

 

So weit, so unvollständig. Jetzt von der Praxis zur Theorie.

 

 

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On Tour in Palermo
Mirko Maric (stehend), e.d gfrerer und Albert Pall
Bild: Jutta Zniva

Teil 2
"beschissene Verhältnisse - neu geladen"

 

Aus rechtlichen Gründen muss ich sie jetzt ersuchen, diese Räumlichkeiten im RHIZOM als mein Wohnzimmer, also als Privatraum, zu betrachten. Und ich werde in meinem Wohnzimmer Zigaretten rauchen und Alkohol zu mir nehmen. Für Sie gilt das allgemeine Rauchverbot selbstverständlich weiter! Sollten sie das nicht akzeptieren können, ersuche ich sie, bevor sie gehen, an meiner kleinen Umfrage "So geht Kohle!" teilzunehmen. Nicht nachdenken, einfach A oder B auf einen Zettel schreiben und einwerfen. Die, die bleiben, dürfen selbstverständlich auch mitmachen.

 

Als Beispiel dafür, wie kapitalistische Stereotype vorprogrammiert und nachgespielt werden, benutzen wir selbstverständlich, weil ja programmiert, ein Computerspiel, in diesem Fall einen LKW-Simulator. Bis zum 29. Juni 2018 werde ich zwei Arbeitsprofile von zwei LKW-Fahrerinnen spielen.

 

Die erste Fahrerin wird eine Karriere als abhängig beschäftigte LKW-Fahrerin starten und dies bis zum Ende des Projektes fortführen.

 

Die zweite Fahrerin wird die Möglichkeiten des Spieles nutzen, sich selbständig machen, Werkstätten und LKW`s dazu kaufen und Fahrerinnen und Fahrer einstellen, die für sie dann fahren und Geld verdienen werden.

 

Beide Fahrerinnen haben gleich viel Zeit zur Verfügung, ihr Vermögen zu mehren.

 

Das Ergebnis der Umfrage "So geht Kohle!" sowie das Endergebnis des Vergleichs, wie sich die beiden Arbeitsprofile, sprich: das Vermögen unserer beiden LKW-Fahrerinnen entwickelt hat, erfahren Sie am Freitag, den 29. Juni 2018 um 19:00 Uhr bei RHIZOM, Annenstraße 52, 8020 Graz. Dazu gibts in Zusammenarbeit mit e.d gfrerer eine Arbeit mit Zitaten und Internetverweisen, sozusagen "Die Wahrheit über das Internet". Ich möchte Sie dazu schon heute recht herzlich einladen.

 

Zum Spiel. Aller Anfang ist schwer, deshalb werde ich hier eine kurze Probefahrt machen. Danach können sie gerne selber probieren, eine Fracht unbeschädigt und ohne Strafen für Verkehrsübertretungen von A nach B zu bringen. Für Fragen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung. Bitte keine Getränke oder Speisen auf meinem Tisch abstellen.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Intermezzo: "So geht Kohle!"

 

Sie sind in Ihrem Beruf extrem qualifiziert, deshalb macht Ihnen ein Unternehmen ein auf 26 Wochen befristetes Angebot und stellt Ihnen zwei Gehaltsvarianten zur Auswahl:

 

Angebot A: wöchentlich Euro 25.811,10 brutto ("hier abstimmen -->)
Angebot B: In der ersten Woche 1 Cent brutto bei wöchentlicher Verdoppelung (hier abstimmen -->)

 

Die Ergebnisse werden am Freitag, den 29. Juni 2018 um 19:00 Uhr bei RHIZOM, Annenstraße 52, 8020 Graz bekanntgegeben.

Herzlichen Dank für Ihre Teilnahme!

 

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